Alex
01.11.05, 12:30
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Folgender aktueller Artikel stammt von ZEIT.DE. Ich kopiere ihn mal hier komplett rein - vielleicht möglich, dass er demnächst nur noch als kostenpflichtiges Dossier erhältlich sein wird.
Ob es sich jetzt um etwas Erfreuliches oder Fragwürdiges handelt, möge jeder für sich selbst entscheiden.
Ich denke, es handelt sich hier um BEIDES...
Sklaven in Weiß
Junge Krankenhausärzte gehen auf die Straße. Sie wehren sich gegen Dauereinsätze zum Billiglohn. Eine Visite in Deutschlands bekanntester Klinik, der Berliner Charité
Von Wolfgang Büscher
Charité heißt Nächstenliebe. Vom lateinischen caritas, aus einer Zeit, als es in Preußen schick war, französisch zu sprechen. Ein großes Wort - passt es noch, fragt man sich, wenn man die riesige, aus drei Universitätskliniken im Osten und Westen Berlins bestehende Heilfabrik mit dem Namen Charité betritt.
Denn das hier ist kein Krankenhaus, das gemütliche Wort „Haus“ wäre irreführend. Es ist ein eigenes Viertel. Ein Krankenviertel mit wuchtigem gründerzeitlichem Tor, eigenen Straßen, Straßennamen, Taxiständen; der baulich und technisch modernste der drei Charité-Standorte - das Rudolf-Virchow-Klinikum im alten Arbeiterbezirk Wedding. Seine Haupt- und Prachtstraße ist die breite Mittelallee, an ihr liegen Fachkliniken links und rechts. Herz. Inneres. Frauen.
Hier wandeln sie auf und ab: eben operierte, herzkatheterte, bestrahlte, nicht selten trotzdem Zigaretten qualmende Männer in Frotteemänteln, ihre Infusionsgalgen auf wackligen Räderchen vor sich herschiebend, von denen Schläuche hängen, an denen zurzeit ihr Leben hängt. Frauen wandeln natürlich auch, alte und junge, gepiercte und damenhafte, sonnenbankbraune und bleiche Verschleierte in fußlangen, grauen Umhängen.
Mittelallee 4 - die Chirurgie. Durchs Foyer, dort der Quergang zur Cafeteria, es riecht nach Sterilisationsseife und Pommes, nach Arznei und Angst, und irgendwo schreit gotterbärmlich ein Kind, dessen Augen verbunden sind. Sein Vater hastet vorbei, er trägt es im Arm.
Weiter. In den Operationssaal, wo sich ein Arzt gerade die grüne OP-Montur zubinden und das Skalpell reichen lässt. Ein junger Mann, schlank, mittelgroß, offenes Gesicht, konzentriert, dabei leger, das Haar trägt er etwas länger als seine Kollegen - sähe man ihn auf der Straße, man hielte ihn vielleicht für einen Musiker.
Jetzt ist er so weit. Es kann losgehen. Bevor er sich dem entblößten Anus des anästhesierten Mannes zuwendet, der reglos mit angewinkelten Beinen auf dem OP-Tisch liegt, sagt Dr. Olaf Guckelberger, und kein Milligramm Ironie ist darin: „Das hier, das ist jetzt wirklich einmal freudvolle Chirurgie.“ Der Mann auf dem Tisch ist HIV-positiv. Außerdem hat er eine infektiöse Gelbsucht. Außerdem diese Blutgerinnsel am After; nicht schlimm eigentlich, aber extrem schmerzhaft. So sehr, dass man die Stelle bei Bewusstsein nicht untersuchen konnte. Darum nun die Vollnarkose. „Man weiß nie, was man findet, wenn man schneidet.“
Dr. Guckelberger und eine Schwester treten nahe heran und lokalisieren die Stelle.
„Da?“ - „Da.“
Kurze Verständigung über den Schnitt.
„So?“ - „So.“ Schnitt. Blut. Tücher.
Was ist mit dem Infektionsrisiko, der Mann auf dem Tisch ist immerhin HIV-infiziert? Von seiner Gelbsucht nicht zu reden. „Jeder hat sich schon mal gestochen, wir arbeiten mit scharfen Instrumenten. Wer Angst hat, sich zu infizieren, der darf nicht Arzt werden, schon gar nicht Chirurg.“
Dann sagt Olaf Guckelberger, dass er seinen Beruf liebe. Sein Pieper klingelt - die Station ist dran. „Nein, nicht einfach rausziehen. Das ist ein normaler Blasenkatheter.“ Telefonisch gibt er ein paar Anweisungen. Nein, heute will er da nicht mehr ran. „Ich habe heute Nacht Bereitschaftsdienst und mächtig viel am Hacken, vielleicht morgen früh.“
Morgen früh wird er 24 Stunden Dienst hinter sich haben, den ganzen nun zu Ende gehenden Tag und die ganze nun beginnende Nacht. Vier OPs waren es tagsüber, fünf andere hat er in die Nacht geschoben - diese Bereitschaft ist schon keine Bereitschaft mehr, alles verplant. Wird die Nacht ruhig, schafft er die fünf. Kommen ernste akute Fälle herein, wird er einige Operationen auf morgen früh schieben. Morgen früh - bis dahin wird er nicht eine Stunde geschlafen haben. Dann noch die Visite. Dann endlich, so gegen zehn oder elf, wird er in den kühlen Berliner Oktobertag hinaustreten.
Und das alles für einen Lohn, der dem einer tüchtigen Putzfrau recht nahe kommt. Rund 1800 Euro netto verdient ein unverheirateter, rund 2500 Euro netto ein in Familie lebender Arzt oder eine Ärztin an der High-End-Klinik Charité. Das ist weniger, als ein Doktor an einem normalen Berliner Stadtkrankenhaus hat.
Aus der Niedriglohngruppe heraus führt nur ein Weg: möglichst viele Bereitschaftsnächte wie diese durchmachen, um sich ein paar hundert Euro dazuzuverdienen; auf maximal 1000 Euro plus kommt man mit all den Doppelschichten, die unweigerlich daraus folgen. Nicht nur die jungen Ärzte können auf die vielen Bereitschaftsdienste nicht verzichten - die Klinik kann es auch nicht. Es ist eine alte und verbreitete Praxis an deutschen Uni-Kliniken, die Züge eines Zweitjobs hat. Dienst am Kranken zum Mondscheintarif.
Wer die Krankenhausrealität nie erlebt hat und die jungen „Halbgötter in Weiß“ nur aus Arztserien im Fernsehen kennt, den mag das alles erstaunen. Was, so eine Galeere ist das, so wird da geschuftet?
Ja, so wird da geschuftet. Noch erstaunlicher ist aber: Die jungen Ärzte, die man dieser Tage in den Abendnachrichten des Fernsehens protestieren sieht, beschweren sich gar nicht darüber, dass sie viel mehr arbeiten als in anderen Berufen üblich - schließlich sind sie nicht Lehrer geworden. Olaf Guckelberger findet es sogar richtig, rund um die Uhr zu arbeiten, er ist gegen Schichtarbeit. Chirurgie, sagt er in einer Pause in seinem Zimmer, zwischen Stapeln von Fachliteratur, Batterien von Cola- und Multivitaminflaschen und PC, könne man kaum anders betreiben als in 24-Stunden-Zyklen.
„In den Saal gehen, eine Operation machen an jemandem, den ich nie zuvor gesehen habe, und tschüs, das geht hier nicht. Die Seele gehört dazu. Sonst ist es nur Handwerk im OP.“
Bei ihm in der Chirurgie geht es meist um Tumore. Heute kommt der Patient auf seine Station, morgen schon wird er operiert, und wahrscheinlich ist die Diagnose Krebs. „Von mir hören sie das zum ersten Mal. Oder sie wollen es zum ersten Mal hören.“ Wer hier eingeliefert wird, der ist von einem Tag auf den anderen vor die Frage von Leben und Tod gestellt. Und vor diesen einen Arzt, der nun sein Arzt ist, an dem nun alles liegt.
„Ich bin jetzt die Autorität. Ich operiere sie. Ich stehe am Bett, wenn sie aufwachen. Mich fragen sie: ›Herr Doktor, war es Krebs - und haben Sie alles heraus?‹ Das will der Patient vom operierenden Arzt hören und nicht von irgendwem, der gerade Schicht hat. Und ich finde, er hat ein Recht darauf. Er legt sein Schicksal in unsere Hände.“ In den ein, zwei Tagen bis zur Operation baue sich oft ein erstaunliches Vertrauensverhältnis auf.
Guckelberger ist 36. Die Frage nach Nutella und der Generation Golf, nach dem öffentlichen Selbstbild einer angeblich hedonistisch verspielten Generation zwischen den Zeiten, in denen es ernst war und wieder ernst werden wird, scheint ihn zu amüsieren.
„Wir sind auch Spielkinder.“
Er zieht einen Prospekt hervor: PC-Programm, Operation Gallenblase. „Einfach mal dran rumspielen, klar ist das was für junge Kollegen.“
Gegen 19 Uhr kommt ein echter Notfall von einer anderen Station. Ein Liter Blut in der Thoraxdrainage, eine Leberpatientin. Guckelbergers OP-Schlange muss warten. Der Plan geht nicht auf. Vorhin im OP-Saal ist er für einen Moment regelrecht euphorisch geworden, als er sich aus dem grünen Kittel schälte. „Das ist super, supertolle Chirurgie. Ein Patient kommt und leidet extreme Schmerzen. Ein paar Schnitte, drei Minuten, und er ist schmerzfrei.“
Und mit einer Kopfbewegung zu dem frisch operierten Mann auf dem Tisch: „Er wird sehr glücklich sein, wenn er aufwacht.“
Ruhepausen auf einer Pritsche unter verstaubten Regalen
Wo sind wir - in einer Arztserie im Vorabendprogramm? Hunderte junger Ärzte, alle Mitte 30, hoch motiviert, häufig in den USA studiert, manche in Harvard, exzellente Leute mit Forschungsaufgaben nebenher, in halb zölibatärer Beziehung zu ihrer Station lebend, zu ihren Patienten, Arztbrüdern und Schwestern, lieber drei Stunden später heimgehend als eine zu früh - ist das die Berliner Charité des Jahres 2005 oder der kitschige Traum eines TV-Drehbuchschreibers?
Die erste, unwahrscheinliche Antwort ist richtig. Ja, das ist die deutsche Arztwirklichkeit 2005. Allerdings hat sie eine Kehrseite. Der Serienheld ist ramponiert. Er opfert seine besten Jahre auf, führt ein Privatleben, das diesen Namen kaum verdient, fährt einen gebrauchten Golf, ist auf Partys immer derjenige, der fortmuss, wenn es schön wird, und wenn er Glück hat, gelingt es ihm, sich zwischen Nachtdienst und Frühvisite eine knappe Stunde in einer Art Besenkammer aufs Ohr zu hauen, auf eine Pritsche unter verstaubten Regalen im Klinikkeller.
Die Arztpritsche gibt es wirklich. Sie steht im Klinikum Benjamin Franklin, einem anderen Standort der Charité. Zynisch könnte man sagen: Das passt wenigstens zum Schwarzarbeitersalär.
Man könnte auch sagen: wennschon. Es sind ja nur ein paar Jahre. Da muss man eben durch, wenn man eine Arztkarriere machen will. Die jungen Mediziner wissen, dass ihre Zeit in einer Universitätsklinik vorübergeht. Dort den Facharzt abschließen, dann irgendwo anders Oberarzt werden oder sich niederlassen. So war es gedacht, so war es immer, dafür nahm man die irrwitzigen Arbeitsbedingungen in Kauf. Die schwarz umränderten Augen waren die Narben einer hippokratischen Mensur, die nicht mit dem Säbel, sondern mit Kaffee und Zigaretten und Pillen geschlagen wurde. Darüber klagte man nicht. Jeder Arzt kannte das, man erkannte einander daran.
Aber jetzt geschieht etwas, das selbst den leidensbereiten, im europäischen Vergleich miserabel bezahlten deutschen Jungarzt endlich überfordert. Auch die Charité in ihrer Sparnot geht ausgerechnet ihm ans Gehalt. Seitdem gibt es wie anderswo Krach in der Klinik namens Nächstenliebe.
Herr Kollege, wie wäre es mit zehn Prozent weniger Gehalt?
Jetzt erreicht der Zorn seinen Siedepunkt. Nicht nur in Berlin, aber dort sind die Dinge, wie so oft, besonders zugespitzt. Das Elend junger deutscher Ärzte erscheint hier in nuce, denn Berlin ist die Avantgarde der Staatsverschuldung.
Ergo, Berlin muss sparen. Ergo, die Charité muss sparen. Ergo - und das ist der Skandal, der sich nun in lautstarken Protesten Luft macht - bietet sie ihren Jungärzten neue Arbeitsverträge an. Aber sie will nicht etwa ein paar Euro drauflegen. Im Gegenteil. Sie will ihnen das lausige Gehalt noch um rund zehn Prozent kürzen. Urlaubsgeld weg. Weihnachtsgeld weg.
Der rot-rote Berliner Senat, hier in Gestalt des Charité-Aufsichtsrates, in dem die Senatoren Thomas Flierl (PDS) für die Wissenschaft und Thilo Sarrazin (SPD) für Finanzen qua Amt sitzen, hat dem Vorstand der Charité das Sparziel aufgegeben: minus 98 Millionen Euro. Um diese Summe wird dem Universitätsklinikum der Landeszuschuss für Forschung und Lehre gekürzt.
Und da schien es - so sehen es die jungen Ärzte - dem Vorstand ein leichter Ausweg zu sein, sich beim Sparen an sie zu halten, denn sie sind mit ihren üblichen Zeitverträgen von ein bis zwei Jahren wehrlose Beute. Weil Berlin 2003 die Tarifgemeinschaft der deutschen Länder verlassen hat, herrscht für sie nun ein tarifloser Zustand. Seit 2003 ist genug Zeit verstrichen, um ihre alten Zweijahresverträge auslaufen zu lassen. Seither halten sich viele junge Ärzte mit Behelfsverträgen von extrem kurzer Laufzeit - ein paar Monate, ein halbes Jahr - über Wasser.
Es sind eben ihre Verträge, die der Personalabteilung laufend auf den Tisch kommen und zur Entscheidung vorliegen. Und sie entzünden die Lohnfantasie. Derart labile Verträge laden geradezu ein, sie bei jeder Gelegenheit neu zu verhandeln, zu neuen Konditionen, versteht sich: Wie wär’s, Herr Kollege, mit einem Anschlussvertrag - mit zehn Prozent weniger Gehalt?
Die unbefristeten Verträge der nichtärztlichen Angestellten aus Pflege und Verwaltung - eher die Klientel der Gewerkschaft ver.di - kommen dem Vorstand allenfalls dann auf den Tisch, wenn jemand kündigt oder in Rente geht; denen kann man so leicht nicht an den Lohn. Verwundert es, wenn hochqualifizierte Ärzte das als Schlag ins Gesicht empfinden und sich lieber nach privaten Arbeitgebern umsehen oder im Ausland ihre Chance suchen? Und wie immer sind es die Besten, die zuerst gehen.
Insofern ist die „Ärzte-Initiative der Charité“, die sich im vorigen Jahr gegründet hat, ein Hoffnungszeichen. Wer noch kämpft, will bleiben. Der Zuspruch ist groß. Wenn sie zum Protest ruft, erscheinen die weißen Kittel ziemlich geschlossen.
Die Initiative lehnt die Gehaltskürzungen ab und fordert eine der tatsächlich erbrachten Arbeitszeit angemessene Bezahlung. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, worüber der Vorstand derzeit mit ver.di verhandelt: ein Lohnabsenkungs-Tarifvertrag zur Vermeidung betriebsbedingter Kündigungen, verpackt als Absenkung der Wochenarbeitszeit von jetzt 38,5 Stunden auf künftig 37,5 Stunden in der Pflege und auf 36,5 Stunden in der Verwaltung.
Der Klinikvorstand teilte das in einem Schreiben an „die lieben Mitarbeiter“ mit - und auch dies: „Der ärztliche und wissenschaftliche Dienst ist von der Arbeitszeitverkürzung ausgenommen.“ Des Weiteren wird über „eine einheitliche Zuwendung in Höhe von 650 Euro“ verhandelt - ob sie auch für die Ärzte gilt, „ist offen“.
Im Gespräch ist derweil eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit für Ärzte auf 40 Stunden. Für Dr. Eckart Schott von der Initiative ist das ein Witz: „Wir arbeiten ohnehin 60 Stunden die Woche oder mehr. Meine reale Arbeitszeit bleibt gleich, nur die Zahl der ohnehin unbezahlten Überstunden würde sich formal um 1,5 Stunden verringern.“
Die lange überspielte Interessendifferenz von Ärzten und ver.di tritt jetzt offen zutage. Eine über 50 Jahre alte Tarifehe wird gerade geschieden. So lange hatte die Ärztevertretung Marburger Bund der Gewerkschaft die Mitvertretung ihrer Belange in den Tarifrunden übertragen. Das ist nun aufgekündigt. Dem Charité-Vorstand sitzen jetzt zwei Parteien gegenüber. Die Leute von ver.di und die Vertreter des Marburger Bundes.
Der Vorstand hat also ein neues Problem: Mit wem verhandelt er eigentlich? Käme er den Ärzten entgegen und schlösse mit ihnen separat ab, ließe ver.di die Verhandlungen scheitern. Die Gewerkschaft könnte dann ihren Mitgliedern nicht mehr erklären, wieso nur sie Lohnverzicht üben sollten. Schließt er - was er vorhat - hingegen mit ver.di einen Tarifvertrag ab, der für die Ärzte kollektiv mit gelten soll, obwohl diese sich von ver.di nicht mehr vertreten lassen wollen, bringt er sie auf die Barrikaden. Und vor die Gerichte.
Es ist eine interessante juristische Frage, ob ver.di und Vorstand die Ärzte, die ja immerhin das Kerngeschäft einer jeden Klinik betreiben, einfach in den Einheitstarif-Sack stecken können. Das ist der aktuelle Streit. Aber fast noch mehr als um Geld geht es den Protestierenden um ihre Arbeitsbedingungen.
„Wenn ich in den USA den Kollegen erzähle“, sagt Schott, der zwei Jahre in Harvard geforscht hat, „dass ich daheim als Arzt den Patienten Blut abnehmen muss, weil die Schwester das nicht darf, und dass die Schwester den Patienten ihr Essen ans Bett bringen muss, weil das eine Servicefirma nicht darf, dann lachen die sich tot.“
Das Letzte, was Oberarzt Dr. Sturm sieht, bevor er die Tür zum Zimmer des russischen Patienten von außen schließt, ist dessen Geste: Der kleine, stämmige Mann, stumm, Angst in den Augen, der deutschen Sprache nicht mächtig, drückt seine Hand auf seine Lippen. Als wolle er sagen: Sie, Herr Doktor, wissen es, und ich weiß es, aber sagen Sie es bitte nicht meiner Frau.
Sie wartet im Flur und bittet Sturm inständig, es ihrem Mann hinter der Tür nicht zu sagen.
„Ihr Mann hat Krebs“, sagt Sturm, „er steht vor einer Chemotherapie. Er ist doch kein Kind. Er ist 79. Er merkt doch, wenn ihm die Haare ausfallen. Er ist doch nicht dumm.“
Die Frau schüttelt den Kopf, bekümmert.
„Ich behandele keinen“, sagt Sturm, „der nicht weiß, was ich tue. Das wäre Körperverletzung. Nach deutschem Recht ist das Körperverletzung.“
„Chemotherapie ist Körperverletzung“, fährt Sturm fort, „und nur deswegen straffrei, weil der Patient sich damit einverstanden erklärt.“
Er legt ihr die Hand auf die Schulter. Er ist groß gewachsen, die Frau ist klein. „Wenn Sie selbst etwas Böses hätten - möchten Sie es dann nicht wissen?“
Die Frau wiegt den Kopf. Nein, heißt das wohl, wir einfachen Menschen wollen nicht wissen, was alles Böses in uns ist, es reicht, wenn ihr es wisst, ihr Männer im weißen Kittel.
Nächste Tür. Die Frau mit den 30, 40 Bauchoperationen, wie viele genau, weiß keiner mehr. Das müde Schlurfen flacher Absätze im Flur. Pantoffeln auf blank gewienertem grauem Kunststoffboden. Sätze werden gewechselt zwischen Arzt und Patient, die mehr Seelsorge sind als Medizin.
„Wenn es Ihnen besser geht, geht’s dem Tumor schlechter. Wir werden ihn beobachten, wie er schrumpft und am Ende vielleicht gar nicht mehr nachweisbar ist.“
„Herr Doktor, das wäre ja das Schönste in meinem Leben.“
Leise, tapfere, matte Sätze. Sie reden über ihre Krankheit ganz vorsichtig, wie über etwas, das ganz leicht schläft. Das man ja nicht aufwecken darf.
Im nächsten Zimmer liegt ein dünner Mann, bleich auf den Tod. Morphium. Sturm klopft den prallen Bauch mit dem Finger ab, es klingt wie eine Hohlstelle in einer Wand. Draußen berät er sich mit einem Kollegen. Nein, keine Chemotherapie mehr. Die Tumore, die Schmerzen, sein Immunsystem ist völlig runter. Morphium, damit soll es gut sein. Schlafen, schlafen.
So eine Visite sagt auch etwas über den Visitierenden. Der Klinikalltag passt schlecht in einen Tarifvertrag - der Doktor kann nicht Schlag sechs Uhr das Skalpell fallen lassen wie der Maurer die Kelle. Extrem lange Arbeitszeiten und chronische Überstunden liegen in der Natur qualitativer Berufe wie des ärztlichen. In dem Maße aber, wie sie heute üblich sind, liegt das auch an chronischer Unterbesetzung - oder andersherum: an der Überbeanspruchung der Stationen.
Denn das Leben draußen hat sich verändert. Mehr Einsamkeit. Mehr Entwurzelung. Mehr Gründe, länger in einem Klinikbett liegen zu bleiben als medizinisch nötig. Weil daheim keiner wartet. Manchmal hilft ein Pflegedienst, ein Sozialdienst, irgendein Dienst. Manchmal ist die Klinik die Sozialstation. Man kann die Leute nicht einfach ins Nichts stoßen. All das drängt herein, und so ist eine Visite auf Station 48, Gastroenterologie, auch eine Visitation des Großstadtlebens im Jahre 2005.
Hinter der nächsten Tür liegt der Nierenpatient. Er sollte eigentlich daheim liegen und dort künstlich eine Flüssigkeit bekommen. So war es auch bis vor kurzem. Bis seine Freundin die Krankenschwester nicht mehr in die Wohnung ließ, weil sie ihren bettlägrigen Freund angeblich immer mit ihrem Busen berührte und zu verführen suchte. Die Folge war, der Mann trocknete aus und hat nun einen Nierenschaden.
Dann der junge Mann, er hat Zucker und isst tafelweise Schokolade. „Er greift alles ab, was er kriegen kann“, sagt die Schwester. Sturm will ihn ermahnen, aber der junge Mann will immer nur darüber reden, dass er nicht mehr lesen könne, seitdem er diese Tropfen bekomme. Er redet so lange an Sturm vorbei, bis die Visite endet.
„Was machen wir mit ihm? Eigentlich gehört er nach Hause. Ein Versorgungsfall, sonst nichts.“ Er muss nur medikamentös richtig eingestellt sein. „Aber er macht nicht mit.“ Er ist hier. Dann fährt er wieder vier Wochen zu Verwandten in die Türkei und stopft sich mit allem Süßzeug voll, das er kriegen kann. Und dann ist er wieder hier.
Die Ärzte entscheiden, ihn ins Krankenhaus seines Stadtteils Neukölln zu überweisen. Pech für die Charité. So ein Tag in der Uni-Klinik wegen Schokolade kostet die Kasse 400 Euro am Tag, aber die letztentlassende Klinik kriegt das Geld von ihr.
Die Charité zahlt auch drauf, wenn sie zwar freitags entlässt, aber dem Patienten, der allein ist und sich am Wochenende nicht helfen kann, eben doch die Medikamente mitgibt, was sie eigentlich nicht soll. Aber sie zahlt ebenfalls drauf, wenn sie ihn dabehält, der Prüfdienst der Kasse das später moniert und der Charité dieses Wochenende wieder abzieht.
Nach der Visite erklärt Andreas Sturm seinen Tag. Bezahlt wird er von 7.45 bis 15.52 Uhr. Aber allein der nachmittägliche „Unterricht am Krankenbett“, den er als Oberarzt zu geben hat, gehe ja schon bis 17 Uhr. „Die ver.di-Forderung nach einer 36-Stunden-Woche ist für uns Ärzte absurd. Wir kämpfen für die 48-Stunden-Woche - aber bezahlt!“
Selbst wenn sie irgendwann käme: Was ist mit dem Stress? Der muss doch zu Fehlern führen.
„Jeder Arzt weiß, wo er etwas falsch gemacht hat. Ich rufe oft noch abends auf der Station an und erkundige mich nach kritischen Patienten. Der Dienst habende Kollege kann nicht immer genau wissen, was los ist.“
Und was ist mit dem Tod? Immerzu stirbt hier jemand. Auch ganz junge Menschen.
„Ich darf nicht bei jedem jungen Mann, der stirbt, umfallen. Aber ich darf auch nicht gefühllos werden. Junge Kollegen weinen, wenn so einer stirbt. Nach einer gewissen Zeit gewöhnt man sich daran, leider.“
Und die Alten? Der Arzt kann den Tod beschleunigen oder bremsen, er steht doch nicht passiv dabei.
„Sterbehilfe ist für uns kein Thema. Kein Arzt legt einem Patienten die Pille hin. Aber ich treffe Entscheidungen. Noch Antibiotika; noch mal in den Computertomografen; noch eine Chemotherapie - wenn einer von oben bis unten voller Metastasen ist? Wenn er nichts mehr zu sich nehmen kann und krank auf den Tod daliegt? Ja, der wird bald sterben, das sehe ich.“
„Und?“
„Ich treffe Entscheidungen. Ich treffe Kostenentscheidungen, die einen ethischen Kern haben.“ Dann sagt er: „Wir sind eine morbidere Gesellschaft geworden.“ Er meint: Es leben mehr Todkranke länger unter uns. „Ein Krebs starb früher nach drei Wochen. Heute stirbt er hoffentlich erst nach einem Jahr.“
Das ist der meist unausgesprochene, ebenso heimliche wie unheimliche Hauptgrund der so genannten Kostenexplosion im Gesundheitswesen: Je feiner (und teurer) die Medizintechnik wird, desto behandlungsbedürftiger (und teurer) wird das mit ihrer Hilfe verlängerte Leben. Die letzten Wochen sind meist teurer als alle Arznei zusammen, die ein alter Mensch in seinem ganzen Leben gebraucht hat.
Darum seien viele junge Ärzte abends oft bis 22 Uhr auf der Station. Sie kämen einfach nicht nach Hause, weil ihre Patienten eben so schwer kranke, heikle Fälle sind. Passiert etwas, wenn ich weg bin? Habe ich eine Untersuchung übersehen? Habe ich alles getan?
„Aber man muss heimgehen können“, sagt Sturm, mehr zu sich selbst. Und dann, zu seinem Besucher, der gar nicht danach gefragt hat:
„Ja, ich würde den Beruf wieder ergreifen.“
Niemand dokumentiert die illegalen Überstunden der jungen Mediziner
Das Wort vom Sklavendasein der jungen Ärzte fällt manchmal, wenn es um deren Arbeitszeiten geht. Klingt gut, trifft aber daneben. Sklaven haben keinen Korpsgeist. Es gibt einen alten Comment auf deutschen Stationen, die Unmengen unbezahlter Zusatzarbeit, die kein tarifverwöhnter deutscher Normalverdiener hinnähme, einfach nicht zu dokumentieren.
Legal ist das nicht. Das Arbeitszeitgesetz macht strenge Vorgaben, die aber permanent und überall unterlaufen werden - und immer schon wurden. Ältere Ärzte erzählen die gleichen Geschichten aus ihrer Klinik-Jugend. Klinische Jahre waren nie Herrenjahre. Und sosehr die jungen Ärzte von der Berechtigung ihrer Forderungen überzeugt sind - mitunter scheint es, als sei es ihnen ein klein wenig unangenehm, für mehr Geld zu trommeln. Etwa wenn sie betonen, das Wichtigste sei nicht das Geld, sondern der arztfeindliche Arbeitsalltag mit seinen absurden Reglementierungen.
Auf welche Station man auch kommt, die Ärzte versichern, es gebe so gut wie keine Abteilung der Charité, in der Angaben über ihre Arbeitszeiten nicht ständig gefälscht würden, „im Kleinen“, wie sie sagen, aber manchmal auch „im Großen“. Und es ist keine anonyme bürokratische Macht, die das tut - der Doktor fälscht selbst, weil es anders gar nicht geht. Er trägt eben wieder mal nicht ein, dass er am Morgen nach seiner Doppelschicht weitere Stunden im Einsatz war. Sonst würden alle Ärger bekommen. Sein Abteilungschef, der seine Dienstaufsicht verletzt hat, er selbst, am Ende die Klinik.
Als vor Jahren einmal ein Charité-Chef zu einem Bußgeld von 15000 Mark verdonnert wurde, weil unter ihm die Arbeitszeiten überschritten wurden, war das ein teures Kuriosum. Heute ist so etwas in der Charité beinahe normal. Es dürfte kaum einen Klinikchef geben, der noch nie diese scheinheilige Buße gezahlt hat.
Die Ärzte haben errechnet, dass sie ihrer Charité monatlich rund 85000 Überstunden schenken. Das System kalkuliert mit diesem stillschweigenden akademischen Subbotnik, er ist die Regel, keineswegs die Ausnahme. Ohne ihn bräche alles zusammen.
Für den einzelnen Arzt, der seine klinische und wissenschaftliche Ausbildung an Europas größtem Universitätsklinikum krönt, der also nebenher forschen soll und das auch tut, in einer dritten, wissenschaftlichen Schicht sozusagen neben der regulären ersten und seinen Bereitschaftsnächten, heißt das: Er schenkt der Charité rund 40 Überstunden im Monat. Diesen Mittelwert hat die Initiative in Umfragen ermittelt. Oft sind es mehr. Ärzte berichten von 50 oder 60, durchaus auch 70 Überstunden.
Einen Bundesgenossen haben die Ärzte; auf dem Thema Überstunden liegt gesetzlicher Druck. Am 1. Januar 2006 muss ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs umgesetzt werden, welches die Kliniken zwingt, die Arbeitszeit der Ärzte und auch deren Bereitschaftsdienste - sie werden jetzt mit maximal 80 Prozent vergütet - als volle Arbeitszeit zu behandeln.
Kurzum, es gibt Führungspositionen, die mehr Spaßpotenzial haben als der des Vorstandsvorsitzenden der Berliner Charité.
Ein Feuerwerk aus Namen, Ideen und Projekten
Ein Mann an der Spitze, der nichts weiter vorhätte, als das Großklinikum halbwegs unfallfrei und ohne jede visionäre Ambition durch die nächsten Jahre zu manövrieren - schon so einer wäre nicht zu beneiden. Professor Dr. Detlev Ganten indessen, seit anderthalb Jahren Vorstandsvorsitzender der Charité, leidet nicht an einem Mangel an Visionen.
Wenn er - ein hagerer Norddeutscher von hagerem, aber keineswegs steifem Humor, der lieber das Jackett auszieht und auf Leute zugeht, als unnahbar zu präsidieren - von der Terrasse seines frisch renovierten Dienstsitzes Charitéplatz 1 auf Berlin schaut, dann sieht er eine Stadt, die dringend einen Lebenssinn sucht, eine neue Raison d’Être. Und Ganten sieht seine Charité.
Die kann, daran glaubt er fest, der Stadt und dem Erdkreis beides bieten, wenn man sie nur lässt. Im Jahre 2010 feiert sie ihren 300. Geburtstag, dann soll sie hell leuchten. Ein Feuerwerk aus Namen, Ideen, Projekten steigt vom Charitéplatz1 in den blassblauen Berliner Himmel.
„Life Science Tower Berlin“: die Stadt als „Leuchtturm der Lebenswissenschaften“ - das ist die Kooperation der Charité mit über 40 Instituten und Privatfirmen auf medizinischem und verwandtem Gebiet. „Junge Charité“: die Idee einer Creme forschender junger Ärzte. „Eine Elite,“ sagt Ganten, „da kommt nicht jeder rein.“ Er will sie auch räumlich beisammenhaben. „Eine ganze Etage, eine kleine Fakultät, eigene Labore, das würde den Spirit verändern.“
Ein Teilnehmer schildert die Treffen - mehr ist es bisher nicht - als recht vage. Vor allem fehle das Geld, um die durchaus wünschenswerte Elitebildung auf die Beine zu stellen. Auch Ganten sagt: „Geld können wir leider nicht viel verteilen.“ Er hofft auf Stiftungen und Fördergelder. Die Unzufriedenheit der jungen Ärzte verstehe er völlig. „Die ist bei mir mindestens genauso groß.“
Den Ärzten wiederum reicht Mitgefühl nicht. Sie erwarten vom ersten Manager, dass er ihre Not nicht nur versteht, sondern etwas für sie tut. Sie sehen, wie eine neue Führungsebene etabliert wird mit außertariflich hoch bezahlten Leuten. Und wie der Vorstand sich mit der ver.di-Klientel zu einigen versucht. Wohltaten unten und ganz oben. Für sie aber, die das hippokratische Kerngeschäft am Laufen halten, übermüdet, schlecht bezahlt, unter ärgerlichen Arbeitsbedingungen - für sie hole er nichts heraus.
„Ein honoriger Mann, der an der Berliner Politik leidet. Aber er ist doch der Vorstand, er soll kämpfen und der Politik sagen, was geht und was nicht. Und wenn gar nichts geht, soll er eben das Amt hinwerfen“ - so lauten Diagnose und Therapie im Arztzimmer.
Gantens Problem ist das Problem aller deutschen Uni-Kliniken, hier kommt es nur schärfer, nämlich berlinischer, zum Ausdruck: Er muss die Charité modernisieren, und während er das versucht, muss er an ihr sparen. Und so, wie er spart, laufen ihm nicht wenige von denen weg, die er für seine Vision einer global attraktiven Berliner Universitätsmedizin braucht: die Besten der jungen Ärzte.
Sein Denken kreist um eine Zahl: 266 Millionen Euro Erlösrisiko. Das sind entgangene Zuschüsse, entgangene Fallpauschalen durch ein neues Abrechnungsmodell, Kostensteigerungen. „Nicht zu viel bei einem Jahresetat von einer Milliarde“, meint er. Diese 266 Millionen muss die Charité bis 2010 einsparen.
Dazu fällt ihm einiges ein. Rund 200 Fremdfirmen arbeiten in den drei Standorten. „Bisher war es so: Je mehr die gemacht haben, desto mehr haben sie verdient. Jetzt gibt es einen Bonus für Wirtschaftlichkeit.“ Gartenbau, Küchen, Hausmeister - daraus will er ein „Charité Facility Management“ gründen, an dem das Klinikum 51 Prozent Anteile hält und Privatfirmen den Rest. „Wir rechnen mit über 20 Millionen Euro Einsparung im Jahr.“
Er möchte aber nicht immer bloß sparen. „Die Charité hat eine exzellente Diagnostik, damit wollen wir Geld verdienen. Eine Diagnostikfirma als GmbH ist konzipiert.“ Dann ist da der internationale Markt für Therapiestudien. Pharmafirmen entwickeln ein neues Krebsmedikament und brauchen Tests. „Und die Charité hat viele Patienten und kann schnell im großen Stil solche Studien durchführen.“
Dankbare Patienten spenden für die Restaurierung der Gebäude
Auch das sei fertig konzipiert und stehe im Aufsichtsrat zur Entscheidung an. Gut und schön. Aber will der Berliner Senat nicht etwas anderes: eine Charité, die sich auf High-End-Medizin beschränkt und das Massengeschäft den städtischen Kliniken überlässt? Käme es so, wären die „vielen Patienten“ für solche Studien nicht mehr da.
Was läuft schief? Die Antwort eines leitenden Charité-Mannes, der fortging, ist knapp. „Alles dauert zu lange“, sagt Professor Cornelius Frömmel, bis August 2005 dort stellvertretender Dekan und Prodekan Forschung. „Die Freiheitsgrade sind in Berlin einfach zu begrenzt. Und die klare Prioritätensetzung für die Hochschulmedizin fehlt.“ Der Stadtstaat Berlin wolle alles mitregeln und greife in Details der Unternehmensführung ein. „Es muss doch möglich sein, dass der Vorstand Chefarztverträge einfach abschließen kann, ohne sie dem Aufsichtsrat vorzulegen - aber genau das muss er an der Charité.“ In Göttingen sei dies undenkbar, meint Frömmel, der nun dort als Sprecher des Vorstandes der Humanmedizin wirkt.
Gantens durchgreifendstes Projekt ist die Umgruppierung der Charité in 17 CharitéCentren, Kardiologie, Tumormedizin et cetera. Sie sollen ein Globalbudget erhalten, mit dem sie eigenverantwortlich wirtschaften. „Damit müssen sie auskommen, mehr gibt’s nicht.“
Es ist einer der letzten warmen Sonnentage, und die Terrasse des Vorstandsvorsitzenden der Charité ist ein guter Ort für Visionen - weit, leer, im blendend hellen Licht. „Auch die immateriellen Dinge sind wichtig“, sagt Ganten, „die großen Traditionen hier“, und erzählt vom französischen Botschafter, einem von vielen dankbaren Charité-Patienten, der habe das Geld gesammelt für die Restaurierung dieses Gebäudes. Ganten freut sich sichtlich über das schöne, alte Haus.
Dann sagt er noch: „Mir wird angekreidet, ich sähe nur die großen Linien, aber die Alltagsrealitäten nicht.“ Er lächelt. „Sehen Sie, ich habe eine Landwirtschaftslehre gemacht, ich kann richtig mit den Händen arbeiten, 14 Stunden am Tag.“ Pause. „Stellen Sie mich also bitte nicht als Träumer dar.“
Wie es aussähe, wenn Gantens Vision wahr würde und Berlin ein globaler Heilort wäre und die Charité bis in fernste Winkel der Erde leuchtete, davon gewinnt man eine Vorstellung, wenn man die Kardiologie im Klinikum Benjamin Franklin besucht, das künftige CharitéCentrum Nummer 11 für Herz-, Kreislauf- und Gefäßmedizin. Eine Abteilung, die schon jetzt Geld verdient.
Auf dem OP-Tisch für den Herzkatheter liegt der Direktor der Nationalbank eines ostafrikanischen Staates. Der Klinikchef kathetert selbst. Professor Heinz-Peter Schultheiss, ein lebhafter Mann, dessen Visiten noch den unverfälschten Charme der Chefvisite haben. Jeder Eintritt ins Krankenzimmer ein Auftritt. Jeder Patient ein Mensch mit Namen, dem es gilt, Mut zu machen und ihn zu einem Lächeln zu bringen. Die Augen der Kranken strahlen, wenn er von der Bettkante aufsteht und sich dem nächsten zuwendet. Jetzt hat ihn sein Oberarzt hinzugebeten, der Fall ist außergewöhnlich kompliziert.
Ein Herzkatheter ist feinste, stille Handarbeit, die winzige, weiche Spitze des Drahtes, der in der Leiste in die Vene hinein, weiter durch die Bauchaorta und in einem Bogen durch die Brust bis ins Herz vorgeschoben wird. Dort kann sie verschiedenen Dinge tun. Zum Beispiel einen Stent in einem Herzgefäß absetzen: ein etwa zwei Millimeter großes silbriges, aufdehnbares Metallröhrchen, welches eine verengte Stelle weitet und offen hält. Die Kunst ist, die Drahtspitze durch den Körper und schließlich durch die Herzklappe - das hakt ein bisschen, schwupp, durch! - an die richtige Stelle im Herzen zu führen, und zwar blind, nur geleitet durch das Gezappel und Gezitter auf dem Monitor.
Das Herz des Mannes ist zu groß. Er leidet schwer darunter. Der Professor versucht, eine Operation zu vermeiden, die eine sehr schwere, blutige Sache wäre. Er will stattdessen einen Teil des übergroßen Herzmuskels mit einem künstlichen Infarkt absterben lassen. Auch das kann die feine Katheterspitze, wenn man sie Alkohol spritzen lässt. Dann verklebt diese Herzgegend. Infarkt.
Was diesen Fall so überaus schwierig macht: Die Gefäße im Herzen des Afrikaners ähneln einem wild mäandernden Fluss. So schaut es auf dem Monitor aus. Und die Stelle, wohin die Spitze muss, liegt vor der ersten Gabelung nach einer Biegung des Flusses um 180 Grad. Um diese Biegung zu kommen ist ein Geduldsspiel, dass es gelingt, ist nicht sicher, der Afrikaner verfolgt es bei vollem Bewusstsein.
Er ist nicht der Einzige, der von weit her anreist. Im Privatzimmer nebenan liegt der Europa-Chef eines Weltkonzerns aus Paris. Später, im Büro von Professor Schultheiss, zeigt sich, dass seine lebhafte Art auch vor der Klinikpolitik nicht Halt macht. Er wundert sich über die Angst der jungen Kollegen zu streiken. „Das sind ja lächerliche Aktionen bis jetzt. Mal im Hof stehen im weißen Kittel.“ Egal, er habe seine jungen Ärzte gezwungen hinzugehen.
„Alles stürzt sich auf die jungen Ärzte, wenn es ans Sparen geht. Weil es da am einfachsten ist. Wo es strukturell nötig wäre, da wird nicht angepackt - aus politischen Rücksichten!“ Schultheiss nennt den Verwaltungsüberhang der Charité, aber auch ihre viel zu vielen und zu kostspieligen Liegenschaften - die Ganten allerdings auch verkaufen will.
Die Errichtung der Zentren begeistert ihn. Natürlich, mag man sagen, er bekommt ja eines. Und die anderen? „Sicher gibt es Eitelkeiten von Professoren, aber das sind Übergangsphänomene, das löst sich auf.“ Es werde auch Einsparungen bringen. „Doppelte Untersuchungen entfallen, doppelte Arbeit.“ Vor allem begeistert ihn die Aussicht, die besten Fachleute zusammenzubringen. „Die diskutieren auf einer Station - am Bett. Das ist die Zukunft.“
Seine Sorge ist, dass alles nicht schnell genug geht. Dass die privaten Krankenhäuser die besten Ärzte abwerben und die reichen Patienten. „Wir haben ein brillantes Gesundheitssystem. Der Penner unter der Brücke und der Minister werden als Notfälle gleich behandelt. Was jetzt läuft, geht auf eine Zweiklassenmedizin hinaus.“
Er hält einen Stent ins Licht, so ein silbriges kleines Ding, wie er es vorhin in ein Herz gesteuert hat. „Ein drug eluted stent. Ein medikamentenbeschichtetes Röhrchen. Neuester Stand der Wissenschaft. Die Wiederverengungsrate des Koronargefäßes, in das ich es setze, ist minimal, anders als bei einem konventionellen Stent. In Portugal, Spanien, selbst in England mit seinem schlechten öffentlichen Standard wird es in über 50 Prozent der Fälle verwendet. In Berlin zu 5Prozent! Da stehen wir heute.“
Zwei Neurologen wollen Deutschland verlassen
„Auswandern? Ja, bald. Wir werden das Land verlassen.“ Es ist nicht so, dass die beiden jungen Ärzte, die gerade auf dem Gang ihrer Station in der alten Charité in Mitte eine Pause machen, ihr Land nicht liebten. Aber sie werden nach Österreich gehen, beide. Der eine, Facharzt für Neurologie, lacht kopfschüttelnd. „In eine Provinzklinik. In eine kleine Stadt bei Krems.“
Die beiden holen sich einen Kaffee. Er habe noch nie einen Vertrag gehabt, der länger als zwei Jahre lief, sagt der Neurologe. „Ich verdiene 2000 netto, mit Bereitschaftsdiensten 2500 netto. In Österreich verdiene ich das Doppelte. Ich hätte eine Stelle in Norwegen haben können, als Oberarzt, mit idealen Arbeitsbedingungen, aber ich wollte nicht in ein kaltes Land.“
Sein Kollege, ebenfalls Neurologe, kommt aus Brandenburg, dort ist sein Vater niedergelassener Arzt. Er selbst ist dabei, sich zu habilitieren, er hat in Nature publiziert, der weltweit führenden Fachzeitschrift. „Niedergelassener Arzt, das war mal mein Ideal. Wenn ich jetzt sehe, wie mein Vater sich abmüht, auch nur einigermaßen auf seine Kosten zu kommen - nein, das ist kein Weg für mich.“
Er sei Arzt geworden aus sozialer Einstellung, sagt der Brandenburger. „Ich arbeite, ohne zu murren, 70 Stunden die Woche. Womit ich aber immer weniger klarkomme, ist, ich werde gegängelt und maßlos geprüft von den Krankenkassen. Als sei ich irgendein korrupter Halbweltdoktor. Noch nach zwei Jahren kommt der Prüfdienst und diskutiert mit mir zwei Stunden, ob ich damals einen Patienten einen Tag früher hätte entlassen können. Warum ich ihm nicht was Billigeres verschrieben hätte.“
Er lacht auf wie einer, der es immer noch nicht fassen kann, dass es auch anders geht. „Die Österreicher rollen mir einen roten Teppich aus, der reicht von Krems bis nach Berlin.“
Der Klinikchef dort habe ihm gesagt, er solle einfach nur Arzt sein und tun, was er für richtig halte. Das mit dem Geld solle er ihm überlassen, er werde sich melden, wenn es ein Problem geben sollte.
„So muss es sein. Warum ist es hier nicht so? Die Bürokratie hier ist lächerlich. Warum ziehen wir uns überhaupt noch Hygienekleidung an - für die viele Schreibarbeit, die wir Ärzte machen müssen, ist das nicht nötig.“
Er schaut einen Moment zur Seite, steht auf, und bevor er geht, sagt er noch:
„Deutschland versorgt die Welt mit Ärzten. Wir sind verrückt.“
Die Charité - Als „Pesthaus“ gedacht
Europas größtes Universitätsklinikum, die Charité, wurde im Jahre 1710 vor den Toren Berlins zunächst als „Pesthaus“ eröffnet. Doch die Stadt blieb von der Seuche verschont, und so wurde aus dem Haus ein Hospiz für Alte, Bettler, „unehelich Schwangere“ und Prostituierte. Nach und nach kamen Forschung und Lehre hinzu. Heute stammt ein Drittel aller Patente Berlins aus der Charité. Jährlich werden hier rund 125000 Patienten stationär behandelt, weitere 900000 ambulant. Der Jahresetat beträgt eine Milliarde Euro. Mit 15000 Beschäftigten ist die Charité nach der Deutschen Bahn Berlins zweitgrößter Arbeitgeber. Ein neues Unternehmenskonzept sieht vor, die über Berlin verteilten 128 Charité-Kliniken und Institute in 17 Zentren zu gliedern, um Kliniken zu reformieren, Finanzmittel einzusparen und Entscheidungsprozesse zu dezentralisieren. Dadurch soll die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens gesichert werden.
Quelle: (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44 (http://www.zeit.de/2005/44/Charite_Head)
Wenn Ärzte 'Sklaven in Weiß' sein sollten, wer ist dann deren Herr??
"Etwas ist faul im Staate Dänemark."
( William Shakespeare / Hamlet, 1. Akt, 4. Szene )
Gruß
Alex
Folgender aktueller Artikel stammt von ZEIT.DE. Ich kopiere ihn mal hier komplett rein - vielleicht möglich, dass er demnächst nur noch als kostenpflichtiges Dossier erhältlich sein wird.
Ob es sich jetzt um etwas Erfreuliches oder Fragwürdiges handelt, möge jeder für sich selbst entscheiden.
Ich denke, es handelt sich hier um BEIDES...
Sklaven in Weiß
Junge Krankenhausärzte gehen auf die Straße. Sie wehren sich gegen Dauereinsätze zum Billiglohn. Eine Visite in Deutschlands bekanntester Klinik, der Berliner Charité
Von Wolfgang Büscher
Charité heißt Nächstenliebe. Vom lateinischen caritas, aus einer Zeit, als es in Preußen schick war, französisch zu sprechen. Ein großes Wort - passt es noch, fragt man sich, wenn man die riesige, aus drei Universitätskliniken im Osten und Westen Berlins bestehende Heilfabrik mit dem Namen Charité betritt.
Denn das hier ist kein Krankenhaus, das gemütliche Wort „Haus“ wäre irreführend. Es ist ein eigenes Viertel. Ein Krankenviertel mit wuchtigem gründerzeitlichem Tor, eigenen Straßen, Straßennamen, Taxiständen; der baulich und technisch modernste der drei Charité-Standorte - das Rudolf-Virchow-Klinikum im alten Arbeiterbezirk Wedding. Seine Haupt- und Prachtstraße ist die breite Mittelallee, an ihr liegen Fachkliniken links und rechts. Herz. Inneres. Frauen.
Hier wandeln sie auf und ab: eben operierte, herzkatheterte, bestrahlte, nicht selten trotzdem Zigaretten qualmende Männer in Frotteemänteln, ihre Infusionsgalgen auf wackligen Räderchen vor sich herschiebend, von denen Schläuche hängen, an denen zurzeit ihr Leben hängt. Frauen wandeln natürlich auch, alte und junge, gepiercte und damenhafte, sonnenbankbraune und bleiche Verschleierte in fußlangen, grauen Umhängen.
Mittelallee 4 - die Chirurgie. Durchs Foyer, dort der Quergang zur Cafeteria, es riecht nach Sterilisationsseife und Pommes, nach Arznei und Angst, und irgendwo schreit gotterbärmlich ein Kind, dessen Augen verbunden sind. Sein Vater hastet vorbei, er trägt es im Arm.
Weiter. In den Operationssaal, wo sich ein Arzt gerade die grüne OP-Montur zubinden und das Skalpell reichen lässt. Ein junger Mann, schlank, mittelgroß, offenes Gesicht, konzentriert, dabei leger, das Haar trägt er etwas länger als seine Kollegen - sähe man ihn auf der Straße, man hielte ihn vielleicht für einen Musiker.
Jetzt ist er so weit. Es kann losgehen. Bevor er sich dem entblößten Anus des anästhesierten Mannes zuwendet, der reglos mit angewinkelten Beinen auf dem OP-Tisch liegt, sagt Dr. Olaf Guckelberger, und kein Milligramm Ironie ist darin: „Das hier, das ist jetzt wirklich einmal freudvolle Chirurgie.“ Der Mann auf dem Tisch ist HIV-positiv. Außerdem hat er eine infektiöse Gelbsucht. Außerdem diese Blutgerinnsel am After; nicht schlimm eigentlich, aber extrem schmerzhaft. So sehr, dass man die Stelle bei Bewusstsein nicht untersuchen konnte. Darum nun die Vollnarkose. „Man weiß nie, was man findet, wenn man schneidet.“
Dr. Guckelberger und eine Schwester treten nahe heran und lokalisieren die Stelle.
„Da?“ - „Da.“
Kurze Verständigung über den Schnitt.
„So?“ - „So.“ Schnitt. Blut. Tücher.
Was ist mit dem Infektionsrisiko, der Mann auf dem Tisch ist immerhin HIV-infiziert? Von seiner Gelbsucht nicht zu reden. „Jeder hat sich schon mal gestochen, wir arbeiten mit scharfen Instrumenten. Wer Angst hat, sich zu infizieren, der darf nicht Arzt werden, schon gar nicht Chirurg.“
Dann sagt Olaf Guckelberger, dass er seinen Beruf liebe. Sein Pieper klingelt - die Station ist dran. „Nein, nicht einfach rausziehen. Das ist ein normaler Blasenkatheter.“ Telefonisch gibt er ein paar Anweisungen. Nein, heute will er da nicht mehr ran. „Ich habe heute Nacht Bereitschaftsdienst und mächtig viel am Hacken, vielleicht morgen früh.“
Morgen früh wird er 24 Stunden Dienst hinter sich haben, den ganzen nun zu Ende gehenden Tag und die ganze nun beginnende Nacht. Vier OPs waren es tagsüber, fünf andere hat er in die Nacht geschoben - diese Bereitschaft ist schon keine Bereitschaft mehr, alles verplant. Wird die Nacht ruhig, schafft er die fünf. Kommen ernste akute Fälle herein, wird er einige Operationen auf morgen früh schieben. Morgen früh - bis dahin wird er nicht eine Stunde geschlafen haben. Dann noch die Visite. Dann endlich, so gegen zehn oder elf, wird er in den kühlen Berliner Oktobertag hinaustreten.
Und das alles für einen Lohn, der dem einer tüchtigen Putzfrau recht nahe kommt. Rund 1800 Euro netto verdient ein unverheirateter, rund 2500 Euro netto ein in Familie lebender Arzt oder eine Ärztin an der High-End-Klinik Charité. Das ist weniger, als ein Doktor an einem normalen Berliner Stadtkrankenhaus hat.
Aus der Niedriglohngruppe heraus führt nur ein Weg: möglichst viele Bereitschaftsnächte wie diese durchmachen, um sich ein paar hundert Euro dazuzuverdienen; auf maximal 1000 Euro plus kommt man mit all den Doppelschichten, die unweigerlich daraus folgen. Nicht nur die jungen Ärzte können auf die vielen Bereitschaftsdienste nicht verzichten - die Klinik kann es auch nicht. Es ist eine alte und verbreitete Praxis an deutschen Uni-Kliniken, die Züge eines Zweitjobs hat. Dienst am Kranken zum Mondscheintarif.
Wer die Krankenhausrealität nie erlebt hat und die jungen „Halbgötter in Weiß“ nur aus Arztserien im Fernsehen kennt, den mag das alles erstaunen. Was, so eine Galeere ist das, so wird da geschuftet?
Ja, so wird da geschuftet. Noch erstaunlicher ist aber: Die jungen Ärzte, die man dieser Tage in den Abendnachrichten des Fernsehens protestieren sieht, beschweren sich gar nicht darüber, dass sie viel mehr arbeiten als in anderen Berufen üblich - schließlich sind sie nicht Lehrer geworden. Olaf Guckelberger findet es sogar richtig, rund um die Uhr zu arbeiten, er ist gegen Schichtarbeit. Chirurgie, sagt er in einer Pause in seinem Zimmer, zwischen Stapeln von Fachliteratur, Batterien von Cola- und Multivitaminflaschen und PC, könne man kaum anders betreiben als in 24-Stunden-Zyklen.
„In den Saal gehen, eine Operation machen an jemandem, den ich nie zuvor gesehen habe, und tschüs, das geht hier nicht. Die Seele gehört dazu. Sonst ist es nur Handwerk im OP.“
Bei ihm in der Chirurgie geht es meist um Tumore. Heute kommt der Patient auf seine Station, morgen schon wird er operiert, und wahrscheinlich ist die Diagnose Krebs. „Von mir hören sie das zum ersten Mal. Oder sie wollen es zum ersten Mal hören.“ Wer hier eingeliefert wird, der ist von einem Tag auf den anderen vor die Frage von Leben und Tod gestellt. Und vor diesen einen Arzt, der nun sein Arzt ist, an dem nun alles liegt.
„Ich bin jetzt die Autorität. Ich operiere sie. Ich stehe am Bett, wenn sie aufwachen. Mich fragen sie: ›Herr Doktor, war es Krebs - und haben Sie alles heraus?‹ Das will der Patient vom operierenden Arzt hören und nicht von irgendwem, der gerade Schicht hat. Und ich finde, er hat ein Recht darauf. Er legt sein Schicksal in unsere Hände.“ In den ein, zwei Tagen bis zur Operation baue sich oft ein erstaunliches Vertrauensverhältnis auf.
Guckelberger ist 36. Die Frage nach Nutella und der Generation Golf, nach dem öffentlichen Selbstbild einer angeblich hedonistisch verspielten Generation zwischen den Zeiten, in denen es ernst war und wieder ernst werden wird, scheint ihn zu amüsieren.
„Wir sind auch Spielkinder.“
Er zieht einen Prospekt hervor: PC-Programm, Operation Gallenblase. „Einfach mal dran rumspielen, klar ist das was für junge Kollegen.“
Gegen 19 Uhr kommt ein echter Notfall von einer anderen Station. Ein Liter Blut in der Thoraxdrainage, eine Leberpatientin. Guckelbergers OP-Schlange muss warten. Der Plan geht nicht auf. Vorhin im OP-Saal ist er für einen Moment regelrecht euphorisch geworden, als er sich aus dem grünen Kittel schälte. „Das ist super, supertolle Chirurgie. Ein Patient kommt und leidet extreme Schmerzen. Ein paar Schnitte, drei Minuten, und er ist schmerzfrei.“
Und mit einer Kopfbewegung zu dem frisch operierten Mann auf dem Tisch: „Er wird sehr glücklich sein, wenn er aufwacht.“
Ruhepausen auf einer Pritsche unter verstaubten Regalen
Wo sind wir - in einer Arztserie im Vorabendprogramm? Hunderte junger Ärzte, alle Mitte 30, hoch motiviert, häufig in den USA studiert, manche in Harvard, exzellente Leute mit Forschungsaufgaben nebenher, in halb zölibatärer Beziehung zu ihrer Station lebend, zu ihren Patienten, Arztbrüdern und Schwestern, lieber drei Stunden später heimgehend als eine zu früh - ist das die Berliner Charité des Jahres 2005 oder der kitschige Traum eines TV-Drehbuchschreibers?
Die erste, unwahrscheinliche Antwort ist richtig. Ja, das ist die deutsche Arztwirklichkeit 2005. Allerdings hat sie eine Kehrseite. Der Serienheld ist ramponiert. Er opfert seine besten Jahre auf, führt ein Privatleben, das diesen Namen kaum verdient, fährt einen gebrauchten Golf, ist auf Partys immer derjenige, der fortmuss, wenn es schön wird, und wenn er Glück hat, gelingt es ihm, sich zwischen Nachtdienst und Frühvisite eine knappe Stunde in einer Art Besenkammer aufs Ohr zu hauen, auf eine Pritsche unter verstaubten Regalen im Klinikkeller.
Die Arztpritsche gibt es wirklich. Sie steht im Klinikum Benjamin Franklin, einem anderen Standort der Charité. Zynisch könnte man sagen: Das passt wenigstens zum Schwarzarbeitersalär.
Man könnte auch sagen: wennschon. Es sind ja nur ein paar Jahre. Da muss man eben durch, wenn man eine Arztkarriere machen will. Die jungen Mediziner wissen, dass ihre Zeit in einer Universitätsklinik vorübergeht. Dort den Facharzt abschließen, dann irgendwo anders Oberarzt werden oder sich niederlassen. So war es gedacht, so war es immer, dafür nahm man die irrwitzigen Arbeitsbedingungen in Kauf. Die schwarz umränderten Augen waren die Narben einer hippokratischen Mensur, die nicht mit dem Säbel, sondern mit Kaffee und Zigaretten und Pillen geschlagen wurde. Darüber klagte man nicht. Jeder Arzt kannte das, man erkannte einander daran.
Aber jetzt geschieht etwas, das selbst den leidensbereiten, im europäischen Vergleich miserabel bezahlten deutschen Jungarzt endlich überfordert. Auch die Charité in ihrer Sparnot geht ausgerechnet ihm ans Gehalt. Seitdem gibt es wie anderswo Krach in der Klinik namens Nächstenliebe.
Herr Kollege, wie wäre es mit zehn Prozent weniger Gehalt?
Jetzt erreicht der Zorn seinen Siedepunkt. Nicht nur in Berlin, aber dort sind die Dinge, wie so oft, besonders zugespitzt. Das Elend junger deutscher Ärzte erscheint hier in nuce, denn Berlin ist die Avantgarde der Staatsverschuldung.
Ergo, Berlin muss sparen. Ergo, die Charité muss sparen. Ergo - und das ist der Skandal, der sich nun in lautstarken Protesten Luft macht - bietet sie ihren Jungärzten neue Arbeitsverträge an. Aber sie will nicht etwa ein paar Euro drauflegen. Im Gegenteil. Sie will ihnen das lausige Gehalt noch um rund zehn Prozent kürzen. Urlaubsgeld weg. Weihnachtsgeld weg.
Der rot-rote Berliner Senat, hier in Gestalt des Charité-Aufsichtsrates, in dem die Senatoren Thomas Flierl (PDS) für die Wissenschaft und Thilo Sarrazin (SPD) für Finanzen qua Amt sitzen, hat dem Vorstand der Charité das Sparziel aufgegeben: minus 98 Millionen Euro. Um diese Summe wird dem Universitätsklinikum der Landeszuschuss für Forschung und Lehre gekürzt.
Und da schien es - so sehen es die jungen Ärzte - dem Vorstand ein leichter Ausweg zu sein, sich beim Sparen an sie zu halten, denn sie sind mit ihren üblichen Zeitverträgen von ein bis zwei Jahren wehrlose Beute. Weil Berlin 2003 die Tarifgemeinschaft der deutschen Länder verlassen hat, herrscht für sie nun ein tarifloser Zustand. Seit 2003 ist genug Zeit verstrichen, um ihre alten Zweijahresverträge auslaufen zu lassen. Seither halten sich viele junge Ärzte mit Behelfsverträgen von extrem kurzer Laufzeit - ein paar Monate, ein halbes Jahr - über Wasser.
Es sind eben ihre Verträge, die der Personalabteilung laufend auf den Tisch kommen und zur Entscheidung vorliegen. Und sie entzünden die Lohnfantasie. Derart labile Verträge laden geradezu ein, sie bei jeder Gelegenheit neu zu verhandeln, zu neuen Konditionen, versteht sich: Wie wär’s, Herr Kollege, mit einem Anschlussvertrag - mit zehn Prozent weniger Gehalt?
Die unbefristeten Verträge der nichtärztlichen Angestellten aus Pflege und Verwaltung - eher die Klientel der Gewerkschaft ver.di - kommen dem Vorstand allenfalls dann auf den Tisch, wenn jemand kündigt oder in Rente geht; denen kann man so leicht nicht an den Lohn. Verwundert es, wenn hochqualifizierte Ärzte das als Schlag ins Gesicht empfinden und sich lieber nach privaten Arbeitgebern umsehen oder im Ausland ihre Chance suchen? Und wie immer sind es die Besten, die zuerst gehen.
Insofern ist die „Ärzte-Initiative der Charité“, die sich im vorigen Jahr gegründet hat, ein Hoffnungszeichen. Wer noch kämpft, will bleiben. Der Zuspruch ist groß. Wenn sie zum Protest ruft, erscheinen die weißen Kittel ziemlich geschlossen.
Die Initiative lehnt die Gehaltskürzungen ab und fordert eine der tatsächlich erbrachten Arbeitszeit angemessene Bezahlung. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, worüber der Vorstand derzeit mit ver.di verhandelt: ein Lohnabsenkungs-Tarifvertrag zur Vermeidung betriebsbedingter Kündigungen, verpackt als Absenkung der Wochenarbeitszeit von jetzt 38,5 Stunden auf künftig 37,5 Stunden in der Pflege und auf 36,5 Stunden in der Verwaltung.
Der Klinikvorstand teilte das in einem Schreiben an „die lieben Mitarbeiter“ mit - und auch dies: „Der ärztliche und wissenschaftliche Dienst ist von der Arbeitszeitverkürzung ausgenommen.“ Des Weiteren wird über „eine einheitliche Zuwendung in Höhe von 650 Euro“ verhandelt - ob sie auch für die Ärzte gilt, „ist offen“.
Im Gespräch ist derweil eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit für Ärzte auf 40 Stunden. Für Dr. Eckart Schott von der Initiative ist das ein Witz: „Wir arbeiten ohnehin 60 Stunden die Woche oder mehr. Meine reale Arbeitszeit bleibt gleich, nur die Zahl der ohnehin unbezahlten Überstunden würde sich formal um 1,5 Stunden verringern.“
Die lange überspielte Interessendifferenz von Ärzten und ver.di tritt jetzt offen zutage. Eine über 50 Jahre alte Tarifehe wird gerade geschieden. So lange hatte die Ärztevertretung Marburger Bund der Gewerkschaft die Mitvertretung ihrer Belange in den Tarifrunden übertragen. Das ist nun aufgekündigt. Dem Charité-Vorstand sitzen jetzt zwei Parteien gegenüber. Die Leute von ver.di und die Vertreter des Marburger Bundes.
Der Vorstand hat also ein neues Problem: Mit wem verhandelt er eigentlich? Käme er den Ärzten entgegen und schlösse mit ihnen separat ab, ließe ver.di die Verhandlungen scheitern. Die Gewerkschaft könnte dann ihren Mitgliedern nicht mehr erklären, wieso nur sie Lohnverzicht üben sollten. Schließt er - was er vorhat - hingegen mit ver.di einen Tarifvertrag ab, der für die Ärzte kollektiv mit gelten soll, obwohl diese sich von ver.di nicht mehr vertreten lassen wollen, bringt er sie auf die Barrikaden. Und vor die Gerichte.
Es ist eine interessante juristische Frage, ob ver.di und Vorstand die Ärzte, die ja immerhin das Kerngeschäft einer jeden Klinik betreiben, einfach in den Einheitstarif-Sack stecken können. Das ist der aktuelle Streit. Aber fast noch mehr als um Geld geht es den Protestierenden um ihre Arbeitsbedingungen.
„Wenn ich in den USA den Kollegen erzähle“, sagt Schott, der zwei Jahre in Harvard geforscht hat, „dass ich daheim als Arzt den Patienten Blut abnehmen muss, weil die Schwester das nicht darf, und dass die Schwester den Patienten ihr Essen ans Bett bringen muss, weil das eine Servicefirma nicht darf, dann lachen die sich tot.“
Das Letzte, was Oberarzt Dr. Sturm sieht, bevor er die Tür zum Zimmer des russischen Patienten von außen schließt, ist dessen Geste: Der kleine, stämmige Mann, stumm, Angst in den Augen, der deutschen Sprache nicht mächtig, drückt seine Hand auf seine Lippen. Als wolle er sagen: Sie, Herr Doktor, wissen es, und ich weiß es, aber sagen Sie es bitte nicht meiner Frau.
Sie wartet im Flur und bittet Sturm inständig, es ihrem Mann hinter der Tür nicht zu sagen.
„Ihr Mann hat Krebs“, sagt Sturm, „er steht vor einer Chemotherapie. Er ist doch kein Kind. Er ist 79. Er merkt doch, wenn ihm die Haare ausfallen. Er ist doch nicht dumm.“
Die Frau schüttelt den Kopf, bekümmert.
„Ich behandele keinen“, sagt Sturm, „der nicht weiß, was ich tue. Das wäre Körperverletzung. Nach deutschem Recht ist das Körperverletzung.“
„Chemotherapie ist Körperverletzung“, fährt Sturm fort, „und nur deswegen straffrei, weil der Patient sich damit einverstanden erklärt.“
Er legt ihr die Hand auf die Schulter. Er ist groß gewachsen, die Frau ist klein. „Wenn Sie selbst etwas Böses hätten - möchten Sie es dann nicht wissen?“
Die Frau wiegt den Kopf. Nein, heißt das wohl, wir einfachen Menschen wollen nicht wissen, was alles Böses in uns ist, es reicht, wenn ihr es wisst, ihr Männer im weißen Kittel.
Nächste Tür. Die Frau mit den 30, 40 Bauchoperationen, wie viele genau, weiß keiner mehr. Das müde Schlurfen flacher Absätze im Flur. Pantoffeln auf blank gewienertem grauem Kunststoffboden. Sätze werden gewechselt zwischen Arzt und Patient, die mehr Seelsorge sind als Medizin.
„Wenn es Ihnen besser geht, geht’s dem Tumor schlechter. Wir werden ihn beobachten, wie er schrumpft und am Ende vielleicht gar nicht mehr nachweisbar ist.“
„Herr Doktor, das wäre ja das Schönste in meinem Leben.“
Leise, tapfere, matte Sätze. Sie reden über ihre Krankheit ganz vorsichtig, wie über etwas, das ganz leicht schläft. Das man ja nicht aufwecken darf.
Im nächsten Zimmer liegt ein dünner Mann, bleich auf den Tod. Morphium. Sturm klopft den prallen Bauch mit dem Finger ab, es klingt wie eine Hohlstelle in einer Wand. Draußen berät er sich mit einem Kollegen. Nein, keine Chemotherapie mehr. Die Tumore, die Schmerzen, sein Immunsystem ist völlig runter. Morphium, damit soll es gut sein. Schlafen, schlafen.
So eine Visite sagt auch etwas über den Visitierenden. Der Klinikalltag passt schlecht in einen Tarifvertrag - der Doktor kann nicht Schlag sechs Uhr das Skalpell fallen lassen wie der Maurer die Kelle. Extrem lange Arbeitszeiten und chronische Überstunden liegen in der Natur qualitativer Berufe wie des ärztlichen. In dem Maße aber, wie sie heute üblich sind, liegt das auch an chronischer Unterbesetzung - oder andersherum: an der Überbeanspruchung der Stationen.
Denn das Leben draußen hat sich verändert. Mehr Einsamkeit. Mehr Entwurzelung. Mehr Gründe, länger in einem Klinikbett liegen zu bleiben als medizinisch nötig. Weil daheim keiner wartet. Manchmal hilft ein Pflegedienst, ein Sozialdienst, irgendein Dienst. Manchmal ist die Klinik die Sozialstation. Man kann die Leute nicht einfach ins Nichts stoßen. All das drängt herein, und so ist eine Visite auf Station 48, Gastroenterologie, auch eine Visitation des Großstadtlebens im Jahre 2005.
Hinter der nächsten Tür liegt der Nierenpatient. Er sollte eigentlich daheim liegen und dort künstlich eine Flüssigkeit bekommen. So war es auch bis vor kurzem. Bis seine Freundin die Krankenschwester nicht mehr in die Wohnung ließ, weil sie ihren bettlägrigen Freund angeblich immer mit ihrem Busen berührte und zu verführen suchte. Die Folge war, der Mann trocknete aus und hat nun einen Nierenschaden.
Dann der junge Mann, er hat Zucker und isst tafelweise Schokolade. „Er greift alles ab, was er kriegen kann“, sagt die Schwester. Sturm will ihn ermahnen, aber der junge Mann will immer nur darüber reden, dass er nicht mehr lesen könne, seitdem er diese Tropfen bekomme. Er redet so lange an Sturm vorbei, bis die Visite endet.
„Was machen wir mit ihm? Eigentlich gehört er nach Hause. Ein Versorgungsfall, sonst nichts.“ Er muss nur medikamentös richtig eingestellt sein. „Aber er macht nicht mit.“ Er ist hier. Dann fährt er wieder vier Wochen zu Verwandten in die Türkei und stopft sich mit allem Süßzeug voll, das er kriegen kann. Und dann ist er wieder hier.
Die Ärzte entscheiden, ihn ins Krankenhaus seines Stadtteils Neukölln zu überweisen. Pech für die Charité. So ein Tag in der Uni-Klinik wegen Schokolade kostet die Kasse 400 Euro am Tag, aber die letztentlassende Klinik kriegt das Geld von ihr.
Die Charité zahlt auch drauf, wenn sie zwar freitags entlässt, aber dem Patienten, der allein ist und sich am Wochenende nicht helfen kann, eben doch die Medikamente mitgibt, was sie eigentlich nicht soll. Aber sie zahlt ebenfalls drauf, wenn sie ihn dabehält, der Prüfdienst der Kasse das später moniert und der Charité dieses Wochenende wieder abzieht.
Nach der Visite erklärt Andreas Sturm seinen Tag. Bezahlt wird er von 7.45 bis 15.52 Uhr. Aber allein der nachmittägliche „Unterricht am Krankenbett“, den er als Oberarzt zu geben hat, gehe ja schon bis 17 Uhr. „Die ver.di-Forderung nach einer 36-Stunden-Woche ist für uns Ärzte absurd. Wir kämpfen für die 48-Stunden-Woche - aber bezahlt!“
Selbst wenn sie irgendwann käme: Was ist mit dem Stress? Der muss doch zu Fehlern führen.
„Jeder Arzt weiß, wo er etwas falsch gemacht hat. Ich rufe oft noch abends auf der Station an und erkundige mich nach kritischen Patienten. Der Dienst habende Kollege kann nicht immer genau wissen, was los ist.“
Und was ist mit dem Tod? Immerzu stirbt hier jemand. Auch ganz junge Menschen.
„Ich darf nicht bei jedem jungen Mann, der stirbt, umfallen. Aber ich darf auch nicht gefühllos werden. Junge Kollegen weinen, wenn so einer stirbt. Nach einer gewissen Zeit gewöhnt man sich daran, leider.“
Und die Alten? Der Arzt kann den Tod beschleunigen oder bremsen, er steht doch nicht passiv dabei.
„Sterbehilfe ist für uns kein Thema. Kein Arzt legt einem Patienten die Pille hin. Aber ich treffe Entscheidungen. Noch Antibiotika; noch mal in den Computertomografen; noch eine Chemotherapie - wenn einer von oben bis unten voller Metastasen ist? Wenn er nichts mehr zu sich nehmen kann und krank auf den Tod daliegt? Ja, der wird bald sterben, das sehe ich.“
„Und?“
„Ich treffe Entscheidungen. Ich treffe Kostenentscheidungen, die einen ethischen Kern haben.“ Dann sagt er: „Wir sind eine morbidere Gesellschaft geworden.“ Er meint: Es leben mehr Todkranke länger unter uns. „Ein Krebs starb früher nach drei Wochen. Heute stirbt er hoffentlich erst nach einem Jahr.“
Das ist der meist unausgesprochene, ebenso heimliche wie unheimliche Hauptgrund der so genannten Kostenexplosion im Gesundheitswesen: Je feiner (und teurer) die Medizintechnik wird, desto behandlungsbedürftiger (und teurer) wird das mit ihrer Hilfe verlängerte Leben. Die letzten Wochen sind meist teurer als alle Arznei zusammen, die ein alter Mensch in seinem ganzen Leben gebraucht hat.
Darum seien viele junge Ärzte abends oft bis 22 Uhr auf der Station. Sie kämen einfach nicht nach Hause, weil ihre Patienten eben so schwer kranke, heikle Fälle sind. Passiert etwas, wenn ich weg bin? Habe ich eine Untersuchung übersehen? Habe ich alles getan?
„Aber man muss heimgehen können“, sagt Sturm, mehr zu sich selbst. Und dann, zu seinem Besucher, der gar nicht danach gefragt hat:
„Ja, ich würde den Beruf wieder ergreifen.“
Niemand dokumentiert die illegalen Überstunden der jungen Mediziner
Das Wort vom Sklavendasein der jungen Ärzte fällt manchmal, wenn es um deren Arbeitszeiten geht. Klingt gut, trifft aber daneben. Sklaven haben keinen Korpsgeist. Es gibt einen alten Comment auf deutschen Stationen, die Unmengen unbezahlter Zusatzarbeit, die kein tarifverwöhnter deutscher Normalverdiener hinnähme, einfach nicht zu dokumentieren.
Legal ist das nicht. Das Arbeitszeitgesetz macht strenge Vorgaben, die aber permanent und überall unterlaufen werden - und immer schon wurden. Ältere Ärzte erzählen die gleichen Geschichten aus ihrer Klinik-Jugend. Klinische Jahre waren nie Herrenjahre. Und sosehr die jungen Ärzte von der Berechtigung ihrer Forderungen überzeugt sind - mitunter scheint es, als sei es ihnen ein klein wenig unangenehm, für mehr Geld zu trommeln. Etwa wenn sie betonen, das Wichtigste sei nicht das Geld, sondern der arztfeindliche Arbeitsalltag mit seinen absurden Reglementierungen.
Auf welche Station man auch kommt, die Ärzte versichern, es gebe so gut wie keine Abteilung der Charité, in der Angaben über ihre Arbeitszeiten nicht ständig gefälscht würden, „im Kleinen“, wie sie sagen, aber manchmal auch „im Großen“. Und es ist keine anonyme bürokratische Macht, die das tut - der Doktor fälscht selbst, weil es anders gar nicht geht. Er trägt eben wieder mal nicht ein, dass er am Morgen nach seiner Doppelschicht weitere Stunden im Einsatz war. Sonst würden alle Ärger bekommen. Sein Abteilungschef, der seine Dienstaufsicht verletzt hat, er selbst, am Ende die Klinik.
Als vor Jahren einmal ein Charité-Chef zu einem Bußgeld von 15000 Mark verdonnert wurde, weil unter ihm die Arbeitszeiten überschritten wurden, war das ein teures Kuriosum. Heute ist so etwas in der Charité beinahe normal. Es dürfte kaum einen Klinikchef geben, der noch nie diese scheinheilige Buße gezahlt hat.
Die Ärzte haben errechnet, dass sie ihrer Charité monatlich rund 85000 Überstunden schenken. Das System kalkuliert mit diesem stillschweigenden akademischen Subbotnik, er ist die Regel, keineswegs die Ausnahme. Ohne ihn bräche alles zusammen.
Für den einzelnen Arzt, der seine klinische und wissenschaftliche Ausbildung an Europas größtem Universitätsklinikum krönt, der also nebenher forschen soll und das auch tut, in einer dritten, wissenschaftlichen Schicht sozusagen neben der regulären ersten und seinen Bereitschaftsnächten, heißt das: Er schenkt der Charité rund 40 Überstunden im Monat. Diesen Mittelwert hat die Initiative in Umfragen ermittelt. Oft sind es mehr. Ärzte berichten von 50 oder 60, durchaus auch 70 Überstunden.
Einen Bundesgenossen haben die Ärzte; auf dem Thema Überstunden liegt gesetzlicher Druck. Am 1. Januar 2006 muss ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs umgesetzt werden, welches die Kliniken zwingt, die Arbeitszeit der Ärzte und auch deren Bereitschaftsdienste - sie werden jetzt mit maximal 80 Prozent vergütet - als volle Arbeitszeit zu behandeln.
Kurzum, es gibt Führungspositionen, die mehr Spaßpotenzial haben als der des Vorstandsvorsitzenden der Berliner Charité.
Ein Feuerwerk aus Namen, Ideen und Projekten
Ein Mann an der Spitze, der nichts weiter vorhätte, als das Großklinikum halbwegs unfallfrei und ohne jede visionäre Ambition durch die nächsten Jahre zu manövrieren - schon so einer wäre nicht zu beneiden. Professor Dr. Detlev Ganten indessen, seit anderthalb Jahren Vorstandsvorsitzender der Charité, leidet nicht an einem Mangel an Visionen.
Wenn er - ein hagerer Norddeutscher von hagerem, aber keineswegs steifem Humor, der lieber das Jackett auszieht und auf Leute zugeht, als unnahbar zu präsidieren - von der Terrasse seines frisch renovierten Dienstsitzes Charitéplatz 1 auf Berlin schaut, dann sieht er eine Stadt, die dringend einen Lebenssinn sucht, eine neue Raison d’Être. Und Ganten sieht seine Charité.
Die kann, daran glaubt er fest, der Stadt und dem Erdkreis beides bieten, wenn man sie nur lässt. Im Jahre 2010 feiert sie ihren 300. Geburtstag, dann soll sie hell leuchten. Ein Feuerwerk aus Namen, Ideen, Projekten steigt vom Charitéplatz1 in den blassblauen Berliner Himmel.
„Life Science Tower Berlin“: die Stadt als „Leuchtturm der Lebenswissenschaften“ - das ist die Kooperation der Charité mit über 40 Instituten und Privatfirmen auf medizinischem und verwandtem Gebiet. „Junge Charité“: die Idee einer Creme forschender junger Ärzte. „Eine Elite,“ sagt Ganten, „da kommt nicht jeder rein.“ Er will sie auch räumlich beisammenhaben. „Eine ganze Etage, eine kleine Fakultät, eigene Labore, das würde den Spirit verändern.“
Ein Teilnehmer schildert die Treffen - mehr ist es bisher nicht - als recht vage. Vor allem fehle das Geld, um die durchaus wünschenswerte Elitebildung auf die Beine zu stellen. Auch Ganten sagt: „Geld können wir leider nicht viel verteilen.“ Er hofft auf Stiftungen und Fördergelder. Die Unzufriedenheit der jungen Ärzte verstehe er völlig. „Die ist bei mir mindestens genauso groß.“
Den Ärzten wiederum reicht Mitgefühl nicht. Sie erwarten vom ersten Manager, dass er ihre Not nicht nur versteht, sondern etwas für sie tut. Sie sehen, wie eine neue Führungsebene etabliert wird mit außertariflich hoch bezahlten Leuten. Und wie der Vorstand sich mit der ver.di-Klientel zu einigen versucht. Wohltaten unten und ganz oben. Für sie aber, die das hippokratische Kerngeschäft am Laufen halten, übermüdet, schlecht bezahlt, unter ärgerlichen Arbeitsbedingungen - für sie hole er nichts heraus.
„Ein honoriger Mann, der an der Berliner Politik leidet. Aber er ist doch der Vorstand, er soll kämpfen und der Politik sagen, was geht und was nicht. Und wenn gar nichts geht, soll er eben das Amt hinwerfen“ - so lauten Diagnose und Therapie im Arztzimmer.
Gantens Problem ist das Problem aller deutschen Uni-Kliniken, hier kommt es nur schärfer, nämlich berlinischer, zum Ausdruck: Er muss die Charité modernisieren, und während er das versucht, muss er an ihr sparen. Und so, wie er spart, laufen ihm nicht wenige von denen weg, die er für seine Vision einer global attraktiven Berliner Universitätsmedizin braucht: die Besten der jungen Ärzte.
Sein Denken kreist um eine Zahl: 266 Millionen Euro Erlösrisiko. Das sind entgangene Zuschüsse, entgangene Fallpauschalen durch ein neues Abrechnungsmodell, Kostensteigerungen. „Nicht zu viel bei einem Jahresetat von einer Milliarde“, meint er. Diese 266 Millionen muss die Charité bis 2010 einsparen.
Dazu fällt ihm einiges ein. Rund 200 Fremdfirmen arbeiten in den drei Standorten. „Bisher war es so: Je mehr die gemacht haben, desto mehr haben sie verdient. Jetzt gibt es einen Bonus für Wirtschaftlichkeit.“ Gartenbau, Küchen, Hausmeister - daraus will er ein „Charité Facility Management“ gründen, an dem das Klinikum 51 Prozent Anteile hält und Privatfirmen den Rest. „Wir rechnen mit über 20 Millionen Euro Einsparung im Jahr.“
Er möchte aber nicht immer bloß sparen. „Die Charité hat eine exzellente Diagnostik, damit wollen wir Geld verdienen. Eine Diagnostikfirma als GmbH ist konzipiert.“ Dann ist da der internationale Markt für Therapiestudien. Pharmafirmen entwickeln ein neues Krebsmedikament und brauchen Tests. „Und die Charité hat viele Patienten und kann schnell im großen Stil solche Studien durchführen.“
Dankbare Patienten spenden für die Restaurierung der Gebäude
Auch das sei fertig konzipiert und stehe im Aufsichtsrat zur Entscheidung an. Gut und schön. Aber will der Berliner Senat nicht etwas anderes: eine Charité, die sich auf High-End-Medizin beschränkt und das Massengeschäft den städtischen Kliniken überlässt? Käme es so, wären die „vielen Patienten“ für solche Studien nicht mehr da.
Was läuft schief? Die Antwort eines leitenden Charité-Mannes, der fortging, ist knapp. „Alles dauert zu lange“, sagt Professor Cornelius Frömmel, bis August 2005 dort stellvertretender Dekan und Prodekan Forschung. „Die Freiheitsgrade sind in Berlin einfach zu begrenzt. Und die klare Prioritätensetzung für die Hochschulmedizin fehlt.“ Der Stadtstaat Berlin wolle alles mitregeln und greife in Details der Unternehmensführung ein. „Es muss doch möglich sein, dass der Vorstand Chefarztverträge einfach abschließen kann, ohne sie dem Aufsichtsrat vorzulegen - aber genau das muss er an der Charité.“ In Göttingen sei dies undenkbar, meint Frömmel, der nun dort als Sprecher des Vorstandes der Humanmedizin wirkt.
Gantens durchgreifendstes Projekt ist die Umgruppierung der Charité in 17 CharitéCentren, Kardiologie, Tumormedizin et cetera. Sie sollen ein Globalbudget erhalten, mit dem sie eigenverantwortlich wirtschaften. „Damit müssen sie auskommen, mehr gibt’s nicht.“
Es ist einer der letzten warmen Sonnentage, und die Terrasse des Vorstandsvorsitzenden der Charité ist ein guter Ort für Visionen - weit, leer, im blendend hellen Licht. „Auch die immateriellen Dinge sind wichtig“, sagt Ganten, „die großen Traditionen hier“, und erzählt vom französischen Botschafter, einem von vielen dankbaren Charité-Patienten, der habe das Geld gesammelt für die Restaurierung dieses Gebäudes. Ganten freut sich sichtlich über das schöne, alte Haus.
Dann sagt er noch: „Mir wird angekreidet, ich sähe nur die großen Linien, aber die Alltagsrealitäten nicht.“ Er lächelt. „Sehen Sie, ich habe eine Landwirtschaftslehre gemacht, ich kann richtig mit den Händen arbeiten, 14 Stunden am Tag.“ Pause. „Stellen Sie mich also bitte nicht als Träumer dar.“
Wie es aussähe, wenn Gantens Vision wahr würde und Berlin ein globaler Heilort wäre und die Charité bis in fernste Winkel der Erde leuchtete, davon gewinnt man eine Vorstellung, wenn man die Kardiologie im Klinikum Benjamin Franklin besucht, das künftige CharitéCentrum Nummer 11 für Herz-, Kreislauf- und Gefäßmedizin. Eine Abteilung, die schon jetzt Geld verdient.
Auf dem OP-Tisch für den Herzkatheter liegt der Direktor der Nationalbank eines ostafrikanischen Staates. Der Klinikchef kathetert selbst. Professor Heinz-Peter Schultheiss, ein lebhafter Mann, dessen Visiten noch den unverfälschten Charme der Chefvisite haben. Jeder Eintritt ins Krankenzimmer ein Auftritt. Jeder Patient ein Mensch mit Namen, dem es gilt, Mut zu machen und ihn zu einem Lächeln zu bringen. Die Augen der Kranken strahlen, wenn er von der Bettkante aufsteht und sich dem nächsten zuwendet. Jetzt hat ihn sein Oberarzt hinzugebeten, der Fall ist außergewöhnlich kompliziert.
Ein Herzkatheter ist feinste, stille Handarbeit, die winzige, weiche Spitze des Drahtes, der in der Leiste in die Vene hinein, weiter durch die Bauchaorta und in einem Bogen durch die Brust bis ins Herz vorgeschoben wird. Dort kann sie verschiedenen Dinge tun. Zum Beispiel einen Stent in einem Herzgefäß absetzen: ein etwa zwei Millimeter großes silbriges, aufdehnbares Metallröhrchen, welches eine verengte Stelle weitet und offen hält. Die Kunst ist, die Drahtspitze durch den Körper und schließlich durch die Herzklappe - das hakt ein bisschen, schwupp, durch! - an die richtige Stelle im Herzen zu führen, und zwar blind, nur geleitet durch das Gezappel und Gezitter auf dem Monitor.
Das Herz des Mannes ist zu groß. Er leidet schwer darunter. Der Professor versucht, eine Operation zu vermeiden, die eine sehr schwere, blutige Sache wäre. Er will stattdessen einen Teil des übergroßen Herzmuskels mit einem künstlichen Infarkt absterben lassen. Auch das kann die feine Katheterspitze, wenn man sie Alkohol spritzen lässt. Dann verklebt diese Herzgegend. Infarkt.
Was diesen Fall so überaus schwierig macht: Die Gefäße im Herzen des Afrikaners ähneln einem wild mäandernden Fluss. So schaut es auf dem Monitor aus. Und die Stelle, wohin die Spitze muss, liegt vor der ersten Gabelung nach einer Biegung des Flusses um 180 Grad. Um diese Biegung zu kommen ist ein Geduldsspiel, dass es gelingt, ist nicht sicher, der Afrikaner verfolgt es bei vollem Bewusstsein.
Er ist nicht der Einzige, der von weit her anreist. Im Privatzimmer nebenan liegt der Europa-Chef eines Weltkonzerns aus Paris. Später, im Büro von Professor Schultheiss, zeigt sich, dass seine lebhafte Art auch vor der Klinikpolitik nicht Halt macht. Er wundert sich über die Angst der jungen Kollegen zu streiken. „Das sind ja lächerliche Aktionen bis jetzt. Mal im Hof stehen im weißen Kittel.“ Egal, er habe seine jungen Ärzte gezwungen hinzugehen.
„Alles stürzt sich auf die jungen Ärzte, wenn es ans Sparen geht. Weil es da am einfachsten ist. Wo es strukturell nötig wäre, da wird nicht angepackt - aus politischen Rücksichten!“ Schultheiss nennt den Verwaltungsüberhang der Charité, aber auch ihre viel zu vielen und zu kostspieligen Liegenschaften - die Ganten allerdings auch verkaufen will.
Die Errichtung der Zentren begeistert ihn. Natürlich, mag man sagen, er bekommt ja eines. Und die anderen? „Sicher gibt es Eitelkeiten von Professoren, aber das sind Übergangsphänomene, das löst sich auf.“ Es werde auch Einsparungen bringen. „Doppelte Untersuchungen entfallen, doppelte Arbeit.“ Vor allem begeistert ihn die Aussicht, die besten Fachleute zusammenzubringen. „Die diskutieren auf einer Station - am Bett. Das ist die Zukunft.“
Seine Sorge ist, dass alles nicht schnell genug geht. Dass die privaten Krankenhäuser die besten Ärzte abwerben und die reichen Patienten. „Wir haben ein brillantes Gesundheitssystem. Der Penner unter der Brücke und der Minister werden als Notfälle gleich behandelt. Was jetzt läuft, geht auf eine Zweiklassenmedizin hinaus.“
Er hält einen Stent ins Licht, so ein silbriges kleines Ding, wie er es vorhin in ein Herz gesteuert hat. „Ein drug eluted stent. Ein medikamentenbeschichtetes Röhrchen. Neuester Stand der Wissenschaft. Die Wiederverengungsrate des Koronargefäßes, in das ich es setze, ist minimal, anders als bei einem konventionellen Stent. In Portugal, Spanien, selbst in England mit seinem schlechten öffentlichen Standard wird es in über 50 Prozent der Fälle verwendet. In Berlin zu 5Prozent! Da stehen wir heute.“
Zwei Neurologen wollen Deutschland verlassen
„Auswandern? Ja, bald. Wir werden das Land verlassen.“ Es ist nicht so, dass die beiden jungen Ärzte, die gerade auf dem Gang ihrer Station in der alten Charité in Mitte eine Pause machen, ihr Land nicht liebten. Aber sie werden nach Österreich gehen, beide. Der eine, Facharzt für Neurologie, lacht kopfschüttelnd. „In eine Provinzklinik. In eine kleine Stadt bei Krems.“
Die beiden holen sich einen Kaffee. Er habe noch nie einen Vertrag gehabt, der länger als zwei Jahre lief, sagt der Neurologe. „Ich verdiene 2000 netto, mit Bereitschaftsdiensten 2500 netto. In Österreich verdiene ich das Doppelte. Ich hätte eine Stelle in Norwegen haben können, als Oberarzt, mit idealen Arbeitsbedingungen, aber ich wollte nicht in ein kaltes Land.“
Sein Kollege, ebenfalls Neurologe, kommt aus Brandenburg, dort ist sein Vater niedergelassener Arzt. Er selbst ist dabei, sich zu habilitieren, er hat in Nature publiziert, der weltweit führenden Fachzeitschrift. „Niedergelassener Arzt, das war mal mein Ideal. Wenn ich jetzt sehe, wie mein Vater sich abmüht, auch nur einigermaßen auf seine Kosten zu kommen - nein, das ist kein Weg für mich.“
Er sei Arzt geworden aus sozialer Einstellung, sagt der Brandenburger. „Ich arbeite, ohne zu murren, 70 Stunden die Woche. Womit ich aber immer weniger klarkomme, ist, ich werde gegängelt und maßlos geprüft von den Krankenkassen. Als sei ich irgendein korrupter Halbweltdoktor. Noch nach zwei Jahren kommt der Prüfdienst und diskutiert mit mir zwei Stunden, ob ich damals einen Patienten einen Tag früher hätte entlassen können. Warum ich ihm nicht was Billigeres verschrieben hätte.“
Er lacht auf wie einer, der es immer noch nicht fassen kann, dass es auch anders geht. „Die Österreicher rollen mir einen roten Teppich aus, der reicht von Krems bis nach Berlin.“
Der Klinikchef dort habe ihm gesagt, er solle einfach nur Arzt sein und tun, was er für richtig halte. Das mit dem Geld solle er ihm überlassen, er werde sich melden, wenn es ein Problem geben sollte.
„So muss es sein. Warum ist es hier nicht so? Die Bürokratie hier ist lächerlich. Warum ziehen wir uns überhaupt noch Hygienekleidung an - für die viele Schreibarbeit, die wir Ärzte machen müssen, ist das nicht nötig.“
Er schaut einen Moment zur Seite, steht auf, und bevor er geht, sagt er noch:
„Deutschland versorgt die Welt mit Ärzten. Wir sind verrückt.“
Die Charité - Als „Pesthaus“ gedacht
Europas größtes Universitätsklinikum, die Charité, wurde im Jahre 1710 vor den Toren Berlins zunächst als „Pesthaus“ eröffnet. Doch die Stadt blieb von der Seuche verschont, und so wurde aus dem Haus ein Hospiz für Alte, Bettler, „unehelich Schwangere“ und Prostituierte. Nach und nach kamen Forschung und Lehre hinzu. Heute stammt ein Drittel aller Patente Berlins aus der Charité. Jährlich werden hier rund 125000 Patienten stationär behandelt, weitere 900000 ambulant. Der Jahresetat beträgt eine Milliarde Euro. Mit 15000 Beschäftigten ist die Charité nach der Deutschen Bahn Berlins zweitgrößter Arbeitgeber. Ein neues Unternehmenskonzept sieht vor, die über Berlin verteilten 128 Charité-Kliniken und Institute in 17 Zentren zu gliedern, um Kliniken zu reformieren, Finanzmittel einzusparen und Entscheidungsprozesse zu dezentralisieren. Dadurch soll die wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens gesichert werden.
Quelle: (c) DIE ZEIT 27.10.2005 Nr.44 (http://www.zeit.de/2005/44/Charite_Head)
Wenn Ärzte 'Sklaven in Weiß' sein sollten, wer ist dann deren Herr??
"Etwas ist faul im Staate Dänemark."
( William Shakespeare / Hamlet, 1. Akt, 4. Szene )
Gruß
Alex